Verfasst von: BFH | 24. Mai 2010

Neuer sollte die neue Nummer eins sein – „Traumhüter“ Lars Leese über Torhüter allgemein und das Manko der englischen „Kipper“

Lars Leese

Lars Leese (Foto: Hoffmann)

„Noch ist die Saison nicht durch“, mahnt 09-Trainer Lars Leese lächelnd. Zumindest aber ist bei seinen Bergisch Gladbachern sportlich alles in trockenen Tüchern: Der Klassenerhalt in der NRW-Liga ist gesichert. Zeit für Lars Leese, sich beim Glas Apfelsaftschorle im 09-Klubheim zurückzulehnen und mal über etwas ganz an anderes zu philosophieren: beispielsweise über… Fußball natürlich.

Speziell über die fliegenden Männer des Fußballs – den Torhütern. Mit denen kennt sich Leese nämlich aus. Schließlich hat der heutige Coach von Bergisch Gladbach 09 r jahrelang für Vereine wie den 1. FC Köln, Bayer 04 Leverkusen und Borussia Mönchengladbach die Handschuhe übergestreift. Berühmt wurde Leese zwischen den Jahren 1997 und 1999 als Zerberus beim FC Barnsley. Beim damaligen Premier-League-Spiel gegen den FC Liverpool hielt er mit seinen Paraden einen sensationellen 1:0-Sieg fest.

Seine turbulenten Erlebnisse im Mutterland des Fußballs stürmten in Buchform unter dem Titel „Der Traumhüter“ die Bestsellerlisten. Im Sommer 2005 hängte Leese die Handschuhe an den Nagel. Er verfolgt die Ballfänger immer noch mit besonderem Interesse. Im Gespräch mit der Bergischen Landezeitung plaudert Leese deshalb über die aktuellen deutschen Nationaltorhüter und über die fliegende Zunft im Allgemeinen.

Eine Frage drängt sich natürlich sofort auf: Haben Jogi Löw und Andreas Köpke richtig entschieden, als sie Hans-Jörg Butt für den verletzten René Adler in den WM-Kader nachnominierten? „Absolut“, antwortet Leese spontan. „Butt hat seine Chance beim FC Bayern eindrucksvoll genutzt. Zudem gibt ihm sein erster Meistertitel enormes Selbstvertrauen. So ein erfahrener Mann kann für die jüngeren Spieler sehr wichtig sein“, betont Leese.

Für Adler tue es ihm natürlich leid. „Leider hat René ja schon öfter unter Verletzungen gelitten. Es spricht aber für sein Verantwortungsgefühl, dass er seine Ansage rechtzeitig bekannt gab“, lobt Leese den Pechvogel. Vor Adlers Verletzung sei für ihn die Hierarchie klar gewesen: Adler die Nummer eins, dahinter Manuel Neuer und Tim Wiese. Also rücke jetzt Neuer nach. „Da sollte Löw jetzt auch die Katze aus dem Sack lassen. Er kennt die Torhüter und weiß, was er an ihnen hat“, findet der Ex-FC-Keeper. Und in der Bundesliga sei bei allen Vereinen die Rollenverteilung doch auch klar.

Apropos Bundesliga. Wer ist für Leese bei den Bundesligakeepern denn der Aufsteiger des Jahres? Seine Antwort überrascht nicht. „Heinz Müller von Mainz 05 hat mich schon beeindruckt. Er spielte ja auch wie ich beim FC Barnsley und wenn er sich nicht das Kreuzband gerissen hätte, wäre er schon damals bei einem Premier-Ligisten gelandet“.

„Edwin van der Sar ist immer verlässlich“

Auch Jaroslav Drobny von Hertha BSC habe ihn positiv überrascht: „Diese Konstanz an Klasse hätte ich nicht unbedingt von ihm erwartet“. Weniger lobend urteilt der Torwartexperte über einen jungen Ballfänger, der unerwartet in die großen Fußstapfen des verstorbenen Nationaltorwart Robert Enke treten musste. „Wie Florian Fromlowitz nach jeder Parade die Fäuste ballt oder die Mitspieler anmacht, das bringt doch nur Unruhe ins Team. Für mich ist Fromlowitz ein Selbstdarsteller, so einen Torhüter braucht eine Mannschaft nicht“, urteilt Leese harsch. Er schätzt die sachlichen Vertreter wie beispielsweise den niederländischen Rekordnationaltorhüter Edwin van der Sar: „Auf so einen kann sich eine Mannschaft immer verlassen“.

Apropos verlässlich. Als solche gelten ja nicht unbedingt die englischen Nationaltorhüter. Die eklatanten Fehlgriffe diverser Clowns im Kasten wie Paul Robinson, Scott Carson oder David „Calamity“ James sind den englischen Fußballfans noch schmerzlich in Erinnerung. Wie erklärt sich der ehemalige England-Profi die dortige Torwartmisere? „Die ist sicher auch historisch bedingt“, so Leese. Im Gegensatz zu Deutschland hätten die Engländer kaum herausragende Torhüter herausgebracht, da fehle es an Vorbildern.

Auch den Einwand mit Legen den wie Gordon Banks oder Peter Shilton lässt Leese da nicht gelten. „Banks liegt zu lange zurück und Shilton ist mehr eine Legende, weil er so lange im Tor stand, weniger wegen seiner Fähigkeiten“, findet Leese. Und weil es an Vorbildern mangelt, wollten sich weniger englische Jugendliche ins Torstellen. „Kinder haben immer ein Vorbild. Mein Sohn spielt auch im Tor und steht auf Oliver Kahn. Doch welcher englische Junge will schon David James sein?“, fragt Leese.

Da habe es Deutschland doch viel besser. „René Adler und Manuel Neuer sind junge Torhüter, die können noch mindestens zehn Jahre spielen“, glaubt Leese. Doch egal, ob nun Butt, Neuer oder Wiese beider WM stehen wird, für Leese wird es nicht an den Torhüter liegen, sollte Deutschland frühzeitig ausscheiden. „Da gibt es bei der DFB-Auswahl ganz andere Baustellen“, so der „Traumhüter“.

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